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Der Labrador-Faktor: Warum dein Hund immer Hunger hat (und was die Genetik damit zu tun hat)

  • Autorenbild: Guido
    Guido
  • vor 18 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit

 

Jeder Labrador-Besitzer kennt diesen Blick: Die Ohren leicht zurückgelegt, die Augen groß und treu, und die Nase fest auf den Boden (oder die Küchentheke) geheftet. Wer einen Labrador führt, führt meist auch einen Kampf gegen den ewigen Hunger des Hundes. Doch ist das nur Verfressenheit oder steckt mehr dahinter?

Die Wissenschaft sagt heute ganz klar: Es liegt in den Genen. Zwei bahnbrechende Entdeckungen erklären, warum der Labrador ein stoffwechseltechnisches Phänomen ist.

 

Das Erbe der Ackerbauern: Der Stärke-Profi

Wie der Genetiker Erik Axelsson 2013 im Fachmagazin Nature nachwies, haben sich Hunde während der Domestizierung massiv an die Ernährung des Menschen angepasst. Während der Wolf fast nur Fleisch verdaut, hat der Hund gelernt, Stärke (Kohlenhydrate) effizient zu nutzen.

Der Labrador ist hierbei ein wahrer Spitzenreiter. Er besitzt im Durchschnitt 12 bis 15 Kopien des AMY2B-Gens – das Enzym, das Stärke spaltet. Zum Vergleich: Ein Wolf hat nur zwei. Das bedeutet, dein Labrador kann Getreide, Kartoffeln oder Reis extrem effizient in Energie umwandeln. Er ist genetisch darauf programmiert, aus jeder Mahlzeit das Maximum an Kalorien herauszuholen.

 

Die POMC-Mutation: Das fehlende Satt-Signal

Doch die Effizienz ist nur die halbe Wahrheit. Warum hört der Labrador nicht auf zu fressen? Hier kommt die Forschung von Dr. Eleanor Raffan (University of Cambridge) ins Spiel. Sie entdeckte die sogenannte POMC-Genmutation.

Bei etwa 25 % aller Labradore (und sogar 60 % der Flat-Coated Retriever) fehlt ein entscheidendes Stück DNA in diesem Gen. Normalerweise produziert das POMC-Gen Botenstoffe, die dem Gehirn nach dem Fressen signalisieren: Stopp, wir sind satt!

Bei betroffenen Labradoren bleibt dieses Signal aus oder ist stark abgeschwächt. Sie fühlen sich chronisch hungrig. Dieser Labrador-Faktor sorgt dafür, dass diese Hunde:


  • Besonders motiviert durch Futter sind (was das Training erleichtert).

  • Jede Gelegenheit nutzen, um Essbares zu stibitzen.

  • Deutlich schneller zu Übergewicht neigen.

 

Show-Linie vs. Arbeitslinie: Ein feiner Unterschied

Interessanterweise zeigt sich der Hunger in den Linien unterschiedlich:

 

  • Der Britische Typ (Showlinie): Diese Hunde sind oft massiger gebaut. Hier führt die Kombination aus hoher Stärkeverwertung und der POMC-Mutation besonders schnell zu den typischen Rollen auf den Rippen.


  • Der Amerikanische Typ (Arbeitslinie): Diese Hunde sind auf Leistung gezüchtet. Sie nutzen die effiziente Kohlenhydratverbrennung, um Energie für die Arbeit bereitzustellen. Dennoch bleibt auch hier der Dauerhunger oft bestehen.

 

Die Amylase-Kapazität des Labradors (Stärkeverdauung)

Der Labrador Retriever gehört zur Gruppe der modernen europäischen Jagdhunde. Diese Rassen weisen eine der stärksten genetischen Anpassungen an Stärke auf.


  • Genkopien: Labradore besitzen im Durchschnitt 12 bis 15 Kopien des AMY2B-Gens (im Vergleich zu 2 beim Wolf).


  • Britische Linie (Showlinie/Standard): Auch sie besitzen die hohe Kopienanzahl (ca. 12-14). Da sie jedoch oft einen niedrigeren Energieverbrauch haben als die Arbeitslinie, führt die effiziente Stärkeverwertung hier schneller zu einer Einlagerung als Körperfett, wenn die Energiezufuhr nicht strikt kontrolliert wird.


  • Amerikanische Linie (Field Trial/Arbeitslinie): Diese Hunde sind auf Leistung, Ausdauer und Schnelligkeit gezüchtet. Ihr Stoffwechsel ist extrem effizient darin, Glukose aus Kohlenhydraten schnell in Energie für die Muskulatur umzuwandeln. Sie haben oft eine sehr hohe Amylase-Aktivität, um die Glykogenspeicher nach der Arbeit schnell wieder aufzufüllen.

 

Detaillierter Vergleich der Linien

Merkmal

Amerikanische Linie (Field Trial)

Britische Linie (Show/Standard)

Körperbau

Schlank, hochbeinig, athletisch

Massiger, breiter Brustkorb, kürzer

AMY2B-Kopien

Hoch (ca. 14–16)

Hoch (ca. 12–14)

Glukose-Stoffwechsel

Schnelle Verbrennung (Muskelenergie)

Langsamere Verbrennung (Fettspeicherung)

Stärketoleranz

Sehr hoch (wichtig für Ausdauerarbeit)

Hoch (Gefahr der Überversorgung)

Fütterungsempfehlung

Verträgt moderate Mengen hochwertiger Kohlenhydrate gut zur Energiegewinnung.

Kohlenhydrate sollten streng kontrolliert werden, da die effiziente Verwertung zu schnellem Übergewicht führt.

 

Zusammenfassung für den Labrador-Besitzer

Der Labrador ist laut der Axelsson-Studie ein Stärke-Profi. Er kann Getreide, Kartoffeln oder Reis hervorragend verdauen. Das Problem bei dieser Rasse ist nicht die Unverträglichkeit, sondern die Effizienz: Er holt aus jedem Gramm Kohlenhydrat das Maximum an Energie heraus.

 

  • Für den britischen Typ: Achten Sie auf ballaststoffreiche Kohlenhydrate (z. B. Gemüse statt reinem Getreide), um das Volumen zu erhöhen, ohne die Energiedichte zu extrem zu steigern.

  • Für den amerikanischen Typ: Kohlenhydrate sind hier oft nützlich, um die hohe Arbeitsintensität und den Bewegungsdrang zu unterstützen.

 

Was bedeutet das für dich als Halter?

Dein Labrador ist kein Gierschlund aus böser Absicht – sein Körper kämpft gegen ein biologisches Programm an. Hier sind drei Tipps für den Alltag:

 

  1. Volumen statt Kalorien: Nutze Gemüse (wie geraspelte Zucchini oder Gurke), um den Napf zu füllen. So hat der Hund das Gefühl, viel gefressen zu haben, ohne dass die Waage nach oben ausschlägt.

  2. Stärke mit Verstand: Da er Stärke so gut verwertet, braucht er oft weniger Getreideanteil im Futter als gedacht, um sein Gewicht zu halten.

  3. Nasenarbeit: Nutze den Futtertrieb! Lass ihn seine Mahlzeiten im Schnüffelteppich oder im Wald suchen. Das befriedigt den Kopf, auch wenn der Magen noch Hunger schreit.


Fazit: Der Labrador ist ein evolutionäres Meisterwerk der Anpassung. Wenn wir verstehen, wie seine Gene (AMY2B und POMC) funktionieren, können wir ihm helfen, gesund und schlank zu bleiben – trotz seines ewigen Blicks auf die Leckerlidose.

Quellen:

  • Axelsson, E. et al. (2013): The genomic signature of dog domestication reveals adaptation to a starch-rich diet. Nature.

  • Raffan, E. et al. (2016): A Deletion in the Canine POMC Gene Is Associated with Weight and Appetite in Obesity-Prone Labrador Retrievers. Cell Metabolism.

 
 
 

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