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Seit der Eiszeit vereint, wie der Wolf zu unserem treuesten Gefährten wurde

23. Apr.
7 Min. Lesezeit

Vor dem ersten Pflug, als der Wolf zum Gefährten wurde

Wir neigen oft dazu, uns die Anfänge der Menschheitsgeschichte in sehr geordneten Bahnen vorzustellen: Der Mensch wurde sesshaft, erfand den Ackerbau und holte sich dann Tiere auf den Hof, um sie zu züchten und zu nutzen. Doch wenn wir auf unseren treuesten Begleiter, den Hund, blicken, erzählt die Wissenschaft eine völlig andere, viel wildere Geschichte.

Neue genetische Studien, die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Nature veröffentlicht wurden, haben unser Bild von der Entstehung der Mensch-Hund-Beziehung grundlegend verschoben. Die gemeinsame Geschichte reicht demnach sehr viel weiter zurück, als Archäologen bislang angenommen hatten. Noch lange bevor der erste Mensch im Nahen Osten Samen säte und Getreide erntete, wärmten sich unsere Vorfahren an den Feuern der Eiszeit – und sie waren dabei nicht allein.

Forschende haben das Erbgut aus archäologischen Fundstätten in ganz Europa untersucht, darunter spektakuläre Proben aus der 15.800 Jahre alten Pınarbaşı-Höhle in der Türkei. Die Analysen zeichnen ein klares Bild: Bereits vor mehr als 14.000 Jahren hatten sich frühe Hunde genetisch signifikant von ihren wölfischen Vorfahren abgespalten. Sie waren zu diesem Zeitpunkt längst ein fester Bestandteil vieler alter Jäger- und Sammlerkulturen.

Lachie Scarsbrook, ein Paläogenetiker an der Ludwig-Maximilians-Universität in München, bringt es faszinierend auf den Punkt. Er beschreibt diese frühen Tiere als eine Art „Schweizer-Taschenmesser“. Sobald diese Caniden den Weg an die Seite des Menschen gefunden hatten, passten sie sich fortwährend an. Sie waren keine spezialisierten Herdenschutzhunde oder reinen Wachhunde, wie wir sie aus späteren agrarischen Epochen kennen. Sie waren vielseitige Überlebenskünstler, die bei der Jagd halfen, das Lager sicherten und, wie wir später noch sehen werden, sogar tief in die spirituellen Rituale der Menschen eingebunden waren.

Diese Erkenntnis verändert die Perspektive auf unsere Hunde maßgeblich. Die Domestizierung war kein plötzlicher Akt der Unterwerfung, sondern ein langsames, organisches Zusammenwachsen zweier Arten in einer rauen Welt. Eine echte Partnerschaft auf Augenhöhe, die Jahrtausende vor der Erfindung der Landwirtschaft begann und bis heute in jedem Hund, der uns auf einem Spaziergang begleitet, lebendig ist.


Knochen, Zähne und die Spurensuche der Paläogenetiker

Wissenschaftler stehen oft vor einem enormen Rätsel, wenn sie bei Ausgrabungen jahrtausendealte Knochen finden. Archäologen haben bereits Hundezähne entdeckt, die neben menschlichen Überresten begraben wurden und auf ein unglaubliches Alter von 34.000 Jahren datiert werden. Doch William Marsh, ein renommierter Paläogenetiker am Natural History Museum in London, warnt vor voreiligen Schlüssen. Er erklärt, dass die reine Bestattung eines Tieres neben einem Menschen nicht zwingend bedeutet, dass dieses Tier auch domestiziert war. Es ist aus archäologischer Sicht durchaus bekannt, dass Menschen über Jahrtausende hinweg immer wieder auch Wildtiere in ihrer Nähe beigesetzt haben.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Skelette von frühen Hunden und Wölfen außerordentlich ähnlich sehen. Besonders dann, wenn den Forschern nur ein einzelner Zahn oder ein kleines Schädelfragment zur Verfügung steht, wird eine optische Unterscheidung fast unmöglich. Viele Funde, die man anfangs enthusiastisch für sehr frühe Hunde hielt, entpuppten sich bei einer späteren Untersuchung der DNA schlichtweg als Wölfe.

Um endlich Gewissheit in diese alte Geschichte zu bringen, startete der Evolutionsgenetiker Anders Bergström eine großangelegte und beispiellose Suche nach frühen Hunden in Europa. Sein Team entnahm Proben von den Überresten von 216 Tieren, die im Laufe der Jahrtausende in der Nähe von Menschen gefunden worden waren. Die Zeitspanne der Funde reichte von einer 46.000 Jahre alten Fundstätte im belgischen Goyet bis hin zu 5.000 Jahre alten Skeletten aus Schottland. Durch den exakten Vergleich der rekonstruierten DNA Daten konnten die Forscher Hunde endgültig von Wölfen unterscheiden. Die älteste Probe, die zweifelsfrei als Hund identifiziert wurde, wies ein beeindruckendes Alter von 14.200 Jahren auf und stammte aus einer Fundstätte in der Schweiz.


Eine globale Ausbreitung an der Seite des Menschen

Parallel zu den Forschungen von Bergström erweiterten Lachie Scarsbrook und seine Kollegen das Bild noch weiter. Sie untersuchten Überreste aus der Türkei, dem Iran, Serbien und England. Diese Knochen waren zwischen 8.900 und 15.800 Jahre alt. Die Forscher begnügten sich nicht mit einer einfachen Analyse, sondern betrachteten sowohl die DNA im Zellkern als auch die mitochondriale DNA, die ausschließlich über die mütterliche Linie vererbt wird. Das faszinierende Ergebnis zeigte, dass sechs der untersuchten Proben definitiv von Hunden stammten und sich genetisch sehr ähnlich waren. Das bedeutet, dass es in Europa bereits vor über 14.300 Jahren eine einheitliche Hundelinie gab, die auf dem gesamten Kontinent verbreitet war.

Natürlich dürfen wir uns diese frühen Begleiter nicht wie unsere heutigen Haustiere vorstellen. Forscher vermuten, dass sie vom Erscheinungsbild her eher kleineren Wölfen ähnelten. Doch was sie so besonders machte, war ihre enorme Anpassungsfähigkeit und ihr stetiger Wille, dem Menschen zu folgen.

Als vor etwa 12.000 Jahren im sogenannten Fruchtbaren Halbmond im Nahen Osten die Landwirtschaft entstand, veränderte sich die Welt drastisch. Die Menschen begannen, in großem Stil nach Europa auszuwandern. Sie brachten ihre domestizierten Nutztiere und neue Pflanzenkulturen mit. Die genetischen Daten belegen sehr eindrucksvoll, dass diese wandernden Bauern die bereits in Europa ansässigen, uralten Hundehorden einfach in ihre eigenen Populationen integrierten. Der Hund war also immer genau dort, wo der Mensch neue Wege in seiner eigenen Entwicklung einschlug.


Gefährten im Leben und im Tod durch eiszeitliche Rituale

Die Genetik verrät uns unglaublich viel über die rein biologische Herkunft, aber erst die Archäologie zeigt uns die tiefe kulturelle und spirituelle Bedeutung der Hunde. Um dieses Band zu verstehen, untersuchten die Wissenschaftler die Gegebenheiten in drei verschiedenen Kulturen aus der Zeit vor etwa 14.000 Jahren. Die anatolischen Jäger und Sammler lebten in der Region der heutigen Türkei. Weiter östlich in Richtung Deutschland und Italien war die Epigravettien Kultur beheimatet und über weite Teile Westeuropas erstreckte sich die Magdalénien Kultur.

Trotz aller geografischen Unterschiede einte all diese Kulturen der fürsorgliche Umgang mit ihren Hunden. Wie viele moderne Zivilisationen bestatteten die anatolischen Völker ihre Toten mit großer Sorgfalt und sie betteten ihre Hunde direkt neben ihnen zur Ruhe. Laut Scarsbrook deutet diese ehrfurchtsvolle Bestattungsform stark darauf hin, dass die Tiere in diesen Gemeinschaften gewissermaßen den wertgeschätzten Status einer Person genossen.

In der Magdalénien Kultur in Westeuropa stießen die Forscher auf gänzlich andere, für unser heutiges Verständnis sehr archaische Rituale. Diese Kultur ehrte ihre Toten durch Formen des Bestattungskannibalismus. Menschliche Überreste wurden zu Schädelschalen geformt und mit aufwendigen Knochengravuren versehen. Das Bemerkenswerte daran ist, dass man bei Ausgrabungen wie etwa in der Gough’s Cave im Vereinigten Königreich auch Hundeschädel fand, die exakt dieselben Löcher und rituellen Veränderungen aufwiesen. Die Menschen behandelten ihre Hunde nach dem Tod also auf eine zutiefst symbolische Weise, die sich kaum von der Behandlung menschlicher Stammesmitglieder unterschied.


Das genetische Erbe und was uns die Ahnen heute lehren

Die Erkenntnisse dieser Studien sind bahnbrechend für unser Verständnis der Populationsgenomik, aber sie offenbaren vor allem ein tiefes Geheimnis über uns Menschen selbst. Auch wenn die Wissenschaft nun zweifelsfrei belegen kann, dass Haushunde bereits vor mehr als 14.000 Jahren in ganz Europa verbreitet waren, fand die eigentliche und erste Domestizierung mit sehr großer Wahrscheinlichkeit noch sehr viel früher statt. Der Populationsgenetiker Krishna Veeramah geht davon aus, dass dieser entscheidende Funke weit außerhalb Europas übersprang.

Die Entwicklung von einem wilden Wolf zu einem Begleiter, der sich am Lagerfeuer wärmt, geschah niemals über Nacht. Es war ein gewaltiger, langsamer Prozess, der sich über unzählige Generationen erstreckte und von viel Geduld auf beiden Seiten geprägt war. Lachie Scarsbrook äußert sogar die faszinierende Vermutung, dass diese völlig neue Art der Verbundenheit bei unseren menschlichen Vorfahren neue Bereiche im Gehirn erschlossen haben könnte. Aus einstigen Konkurrenten in einer lebensfeindlichen Natur wurden plötzlich Verbündete, die fortan sprichwörtlich unter einer Decke steckten.

Diese uralten Gene sind nie verschwunden. Sie wurden über zahllose Jahrtausende hinweg weitergegeben und bilden heute das Fundament für all die Hunderassen, die unser Leben bereichern vom kräftigen Deutschen Schäferhund bis hin zum gutmütigen Bernhardiner. Wenn wir heute mit unserem Hund durch die Wälder streifen, sind wir nicht einfach nur auf einem Spaziergang. Wir führen eine friedliche Tradition fort, die so alt ist wie die Menschheit selbst.


In eigenen Sache !

Ein Blick auf die Neandertaler und der Mythos des Schattenwolfs

Der Gedanke an die Neandertaler bringt eine völlig neue und spannende Perspektive in diese alte Geschichte. Wenn wir auf diese frühen Menschen blicken, wird erst richtig deutlich, wie absolut einzigartig unsere eigene Verbindung zum Hund wirklich ist. Nach dem aktuellen Stand der Paläontologie und Genetik hatten die Neandertaler nämlich keine domestizierten Hunde an ihrer Seite. Sie teilten sich zwar die eiszeitlichen Landschaften mit großen Wolfsrudeln und konkurrierten mit ihnen täglich um dieselbe Beute, aber das tiefe Bündnis am gemeinsamen Lagerfeuer blieb bei ihnen nachweislich aus. Einige Forscher vertreten heute sogar die faszinierende Theorie, dass genau diese fehlende Allianz mit den Wölfen ein entscheidender evolutionärer Nachteil für den Neandertaler gewesen sein könnte. Der anatomisch moderne Mensch hingegen sicherte sich durch diese enge Partnerschaft einen unschätzbaren Vorteil beim Überleben in einer unerbittlichen Natur.

Leider wird diese wahre und beeindruckende Geschichte in der heutigen Zeit oft durch die Sensationspresse bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Ein perfektes Beispiel dafür ist der sogenannte Schattenwolf. Durch erfolgreiche Fernsehserien und Fantasy Romane wurde dieses Tier in den letzten Jahren zu einem regelrechten Mythos erhoben. Den Schattenwolf gab es während der Eiszeit in Nordamerika zwar wirklich, aber reißerische Medien und teils sehr profitorientierte Genetikunternehmen nutzen ihn heute nur noch als Zugpferd für schnelle Schlagzeilen. Da wird in effekthascherischen Artikeln von waghalsigen Klonversuchen oder Rückzüchtungen gesprochen und es werden direkte Abstammungslinien zu unseren heutigen Hunden konstruiert, die es so schlichtweg nie gab.

Ernsthafte genetische Analysen haben längst bewiesen, dass sich die evolutionäre Linie dieses nordamerikanischen Urzeitwolfs schon vor Millionen von Jahren komplett von der unserer heutigen Wölfe und Hunde abgetrennt hat. Er ist also ein ganz entfernter Verwandter und definitiv kein direkter Vorfahre unserer treuen Begleiter. Wenn also heute im Internet von der Wiederbelebung solcher vermeintlich mythischen Arten oder von extremen, dubiosen Zuchtversuchen zu lesen ist, hat das mit der wahren Geschichte der Domestizierung absolut nichts zu tun. Es geht dabei meist nur um ungeteilte Aufmerksamkeit und schnelle Klicks. Die echte Verbundenheit, die wir heute mit unseren Hunden teilen, braucht keine künstlich aufgebauschten Mythen und keine genetischen Sensationsprojekte im Labor.

Sie beruht auf unzähligen Jahrtausenden der echten Partnerschaft, des gemeinsamen Wachsens und des gegenseitigen Vertrauens.

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